Wenn der Alltag zur Belastung wird





Inkontinenz gehört zu den häufigsten, aber zugleich am stärksten tabuisierten Erkrankungen unserer Zeit. Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Harninkontinenz oder ungewolltem Urinverlust – viele davon über Jahre im Stillen. Schamgefühle, sozialer Rückzug und die Angst vor peinlichen Situationen bestimmen häufig den Alltag der Betroffenen.
Umso bemerkenswerter war die Resonanz auf die Patientenakademie „Wenn der Alltag zur Belastung wird: Moderne Hilfe bei Inkontinenz“ des Städtischen Klinikums Dessau. Trotz hochsommerlicher Temperaturen fanden sich mehr als 70 Besucher in der Cafeteria des Klinikums ein, um sich über moderne Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten bei Harninkontinenz zu informieren und mit Experten der Klinik für Urologie ins Gespräch zu kommen. Die Teilnehmer kamen dabei nicht nur aus Dessau-Roßlau, sondern aus der gesamten Region Anhalt und dem östlichen Sachsen-Anhalt.
„Die Lebensqualität von Menschen mit Inkontinenz ist mitunter mit der von Krebspatienten vergleichbar“, erklärte Dr. med. Sophie Köpernik. Scham, Kontrollverlust und die ständige Suche nach der nächsten Toilette schränkten das Leben vieler Betroffener erheblich ein.
Tatsächlich ziehen sich viele Patienten zunehmend aus dem gesellschaftlichen Leben zurück. Reisen, Restaurantbesuche oder Übernachtungen außerhalb der eigenen vier Wände werden häufig vermieden. Wie groß die Belastung ist, zeigen auch Studien: 39 Prozent der Betroffenen sprechen nicht einmal mit ihrem Partner über ihre Beschwerden, mehr als die Hälfte verschweigt das Problem sogar gegenüber der eigenen Familie. Für die Urologen des Klinikums war dies ein zentraler Grund, die Veranstaltung im Rahmen der Welt-Kontinenz-Woche anzubieten.
„Unser Ziel war es, den Menschen zu zeigen, dass sie mit ihrem Problem nicht allein sind und dass es heute sehr gute Behandlungsmöglichkeiten gibt“, sagte Arturo Rivera Mejia, Chefarzt der Klinik für Urologie, Kinderurologie und urologische Onkologie.
Unter dem Titel „Zurück ins Leben: Wege aus der Inkontinenz“ machte der Chefarzt deutlich, dass Inkontinenz keine unvermeidliche Begleiterscheinung des Älterwerdens ist. Er erläuterte die Auswirkungen auf Mobilität, soziale Teilhabe und psychische Gesundheit und stellte moderne diagnostische Verfahren wie Ultraschall, Urodynamik und Blasenspiegelung vor. Gleichzeitig zeigte er auf, dass heute bei rund 80 Prozent der Betroffenen eine Heilung oder zumindest eine deutliche Verbesserung der Beschwerden möglich ist. Entscheidend sei vor allem, den ersten Schritt zu wagen und ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Dr. Köpernik widmete sich in ihrem Vortrag „Selbst ist die Frau – Inkontinenz? Wir (be)handeln!“ den Besonderheiten der weiblichen Harninkontinenz. Sie erklärte die verschiedenen Formen der Erkrankung und stellte moderne konservative Behandlungsmöglichkeiten wie Beckenbodentraining, Biofeedback, Blasentraining und medikamentöse Therapien vor. Darüber hinaus informierte sie über neue digitale Gesundheitsanwendungen sowie moderne operative Verfahren wie Bandoperationen, Bulking Agents, Botox-Therapien und sakrale Neuromodulation. Besonderen Wert legte sie auf die individuelle Diagnostik, da sich die Therapieziele von Patientin zu Patientin deutlich unterscheiden können.
Mit dem Vortrag „Männliche Inkontinenz: offen sprechen, besser leben“ richtete Oberarzt Viktor Moseichuk den Blick auf die Situation betroffener Männer. Er erläuterte die häufigsten Ursachen wie Prostataerkrankungen, Folgen von Prostataoperationen oder altersbedingte Veränderungen des Beckenbodens. Einen breiten Raum nahmen praktische Maßnahmen wie Beckenbodentraining, Lebensstiländerungen und medikamentöse Behandlungen ein. Zudem stellte er moderne operative Verfahren vor – von Schlingenoperationen bis hin zum künstlichen Schließmuskel, dem heutigen Goldstandard bei schwerer Belastungsinkontinenz. Sein Appell: Je früher Betroffene das Gespräch mit einem Urologen suchen, desto besser sind die Behandlungsmöglichkeiten.
Wie groß der Gesprächsbedarf war, zeigte sich auch nach den Vorträgen. Immer wieder bildeten sich kleine Gesprächsgruppen, in denen Besucher ihre persönlichen Fragen und Sorgen direkt mit den Ärzten besprechen konnten.
„Die Vorträge waren wichtig, aber mindestens genauso wertvoll waren die Gespräche danach“, sagte Arturo Rivera. „Wir konnten konkrete Anliegen direkt besprechen und erste Schritte für eine weiterführende Diagnostik oder Behandlung auf den Weg bringen.“
Besonders erfreulich aus Sicht der Organisatoren: Knapp 20 Besucher vereinbarten direkt vor Ort einen Termin in der interdisziplinären Fachambulanz des Klinikums. Dort stehen Patienten kompetente Ansprechpartner zur Verfügung – sei es zur Abklärung von Beschwerden, zur Nachsorge nach einem stationären Aufenthalt oder zur Vorbereitung einer geplanten Behandlung.
Für die Urologen des Klinikums war dies das wichtigste Ergebnis des Nachmittags. Denn genau darum ging es bei der Patientenakademie: Menschen mit Inkontinenz Wege aufzuzeigen, wie sie durch moderne Diagnostik und Therapie wieder mehr Lebensqualität gewinnen können.
Hintergrund
Die Klinik für Urologie, Kinderurologie und urologische Onkologie des Städtischen Klinikums Dessau bietet moderne Diagnose- und Therapieverfahren für Frauen und Männer mit Harninkontinenz an. Das Spektrum reicht von konservativen Maßnahmen wie Beckenbodentraining und medikamentöser Therapie bis hin zu minimalinvasiven und operativen Verfahren bei komplexen Formen der Inkontinenz. Damit ist das Klinikum eine wichtige Anlaufstelle für Patienten aus Dessau-Roßlau, der Region Anhalt und dem östlichen Sachsen-Anhalt.
Kontakt
Fragen zum Thema Inkontinenz oder Interesse an einer Vorstellung in der Fachambulanz? Das Team der Klinik für Urologie, Kinderurologie und urologische Onkologie berät Sie gerne.
Sekretariat der Klinik für Urologie
Telefon: 0340 501-3800 (Mo.–Fr., 7:00–15:00 Uhr)
Terminanfragen für die Fachambulanz
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