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Premiere: Neurochirurgen implantieren neuartige Schädelplastik

Premiere im Städtischen Klinikum Dessau: Erstmals gelang es einem Team der Klinik für Neurochirurgie, eine 3D-gedruckte, bioresorbierbare Schädeldachplastik bei einem Patienten zu implantieren. Bislang war dieses neuartige Verfahren nur in Asien angewendet worden. Christian Hohaus, Leitender Oberarzt der Klinik für Neurochirurgie, der den Eingriff durchführte, zeigte sich nach der OP zufrieden: „Es hat alles sehr gut geklappt und ich freue mich, dass wir dieses innovative Produkt künftig unseren Patienten in Dessau anbieten können.“

Bei dem Patienten handelte es sich um einen 60-jährigen Mann, der Ende 2023 nach einem Fahrradunfall ein Schädelhirntrauma mit einer Blutung zwischen Hirnoberfläche und Knochen erlitt. Um die Schwellung zu reduzieren und die Blutung zu entfernen, wurde in dem Akuteingriff ein Teil des Knochendeckels herausgetrennt, der anschließend bei –80 °C tiefgefroren wurde.

Nachdem sich der Patient erholt hatte, wurde ihm der eigene Knochendeckel wieder eingesetzt. Allerdings nahm der Körper die Schädeldecke nicht wieder an, sodass sie in diesem Bereich nach 18 Monaten nur noch eine Dicke von wenigen Millimetern aufwies – für den Schutz des Gehirns keinesfalls ausreichend.

In solch einem Fall setzte man bisher ein Implantat aus Titan oder einem medizinischen Kunststoff ein, das zeitlebens ein Fremdkörper bleibt. Hohaus, der sich in früheren Forschungen mit dem Thema Knochenersatz befasst hat, entschied sich daher im Einvernehmen mit dem Patienten für ein neues, in Europa bislang nicht eingesetztes Konstrukt aus mehreren Grundstoffen. Wie es der Zufall manchmal will, erschien der Patient wenige Tage, nachdem der Neurochirurg von der Zulassung des neuen Implantats erfahren hatte, im Städtischen Klinikum Dessau. Ihn überzeugte, dass sich das Material innerhalb von zwei Jahren in normales Knochengewebe (Bone Tissue Engineering) umwandelt. Entsprechend gering ist die Gefahr einer Abstoßreaktion.

In einem ersten Schritt wurde der Schädel per Computertomographie (CT) vermessen. Diese Daten wurden dann bei der Firma Zimmer Biomet und dem produzierenden Kooperationspartner Osteopore® in ein Modell umgewandelt und am 3D-Drucker aus den bioresorbierbaren Stoffen gedruckt. Während der 90-minütigen Operation wurde die neue Schädeldecke eingesetzt. Zuvor war dem Patienten aus dem Beckenbereich etwas Knochenmark entnommen worden, mit dem das Implantat vorbehandelt wurde. Die körpereigenen Stammzellen sollen helfen, die Knochenreproduktion anzuregen.

Nur fünf Minuten nachdem die neue Schädeldecke vernäht und die Kopfhaut wieder verschlossen war, erwachte der Patient aus der Narkose. Intuitiv ging sein erster Griff zur Schädeldecke. Was er dort durch den Verband spürte, war fest und stabil. In einem halben Jahr soll ein weiteres CT Aufschluss darüber geben, wie schnell der Prozess des Knochenersatzes voranschreitet. Die Materialien in Kombination mit dem zuvor entnommenen Knochenmark lassen den körpereigenen Knochen – unabhängig von der Defektgröße – regenerieren. Somit soll spätestens nach zwei Jahren kein Fremdmaterial mehr im Körper zurückbleiben. Spätestens dann kann der Patient wieder sorglos auf sein Fahrrad steigen.

 

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