Rückenmarkstimulation: Vom Dauerschmerz zurück ins Leben


Als Mario Müller, Peter Palischek und Oberarzt Oleksandr Pichkur, Facharzt für Neurochirurgie und Co-Leiter des Wirbelsäulenzentrums am Städtischen Klinikum Dessau, zusammensitzen und von ihren Erfahrungen berichten, wird schnell deutlich, wie viel sie miteinander verbindet. Zwei Patienten, zwei Lebenswege, viele Jahre voller Schmerzen, Rückschläge und Enttäuschungen – und schließlich ein gemeinsamer Neuanfang.
Jahre voller Belastung und Hoffnungslosigkeit
Mario Müller ist 53 Jahre alt und stammt aus Dessau. Früher arbeitete er als Maschinenschlosser auf einer Schiffswerft. Die körperliche Arbeit war hart, doch er war daran gewöhnt. Umso schwerer traf ihn der Moment, als sein Körper nicht mehr mitmachte. Bereits seit 2009 litt er unter chronischen Rücken- und Beckenschmerzen. Was zunächst nur gelegentliche Beschwerden waren, wurde über die Jahre zu einem dauerhaften Zustand, der sein gesamtes Leben bestimmte.
Anfänglich versuchte Müller, die Schmerzen zu ignorieren. Er arbeitete weiter, schonte sich kaum und hoffte, dass es wieder besser werden würde. Doch die Beschwerden nahmen zu. Es folgten Arztbesuche, Untersuchungen und schließlich drei Operationen an Wirbelsäule und Becken. Jede dieser Operationen war mit der Hoffnung verbunden, endlich wieder schmerzfrei leben zu können. Doch diese Hoffnung erfüllte sich nicht. „Ich habe mich nur noch gequält“, sagt er. „Ich habe gehofft, dass es irgendwie hilft, aber ich hatte keine Chance.“
Statt Besserung wurden die Schmerzen schlimmer. Nächte ohne Schlaf, mühsames Aufstehen am Morgen, eingeschränkte Beweglichkeit und ständige Erschöpfung gehörten bald zu seinem Alltag. Autofahren, Radfahren oder längere Wege wurden unmöglich. Selbst Einkäufe oder kurze Spaziergänge kosteten enorme Kraft. Jede Bewegung musste geplant werden, aus Angst vor neuen Schmerzattacken.
Trotz aller Einschränkungen versuchte Müller immer wieder, aktiv zu bleiben. Er machte Sport, absolvierte Therapien und trainierte vorsichtig. Doch langfristig brachte nichts eine echte Verbesserung. Mit der Zeit wurden selbst einfache Haushaltstätigkeiten zur Belastung. Auch seelisch hinterließen die Jahre ihre Spuren. „Meine Frau hat die ganzen Jahre wirklich mit mir zu kämpfen gehabt“, sagt er. Hinzu kamen Konflikte mit Behörden und Versicherungen. 2019 blieb schließlich nur noch die Frührente.
Auch Peter Palischek kennt diesen schleichenden Verlust von Kraft und Selbstständigkeit. Jahrzehntelang hatte er als Maurer gearbeitet, schwere Lasten getragen und unter schwierigen Bedingungen gearbeitet. Ab 2008 änderte sich sein Leben grundlegend. „Seit dieser Zeit war es körperlich eine Katastrophe.“ Die Schmerzen im Hals- und Lendenwirbelbereich wurden immer stärker. Anfangs versuchte er, weiterzuarbeiten, nahm Schmerzmittel und biss die Zähne zusammen. Doch bald bestimmten die Beschwerden seinen Alltag. Morgens kam er kaum aus dem Bett, abends war er völlig erschöpft. Jede Bewegung tat weh.
Mehrere Reha-Maßnahmen, Kuren und eine Rückenoperation brachten keine dauerhafte Erleichterung. Ab 2008 durfte er seinen Beruf nicht mehr ausüben. 2012 versuchte er noch einmal, als Hausmeister durchzuhalten. Doch gerade in dieser Zeit verschlimmerten sich die Beschwerden massiv. „Ich konnte mich gar nicht mehr drehen. Wenn ich nach links oder rechts schauen wollte, musste ich den ganzen Oberkörper mitdrehen“, erinnert er sich.
Nach dauerhafter Krankschreibung folgte die Rente. Die Schmerzen blieben. In seiner Verzweiflung ließ sich Palischek durch eine Schmerzärztin in Halle auf hochdosiertes Morphium einstellen. „72 Mikrogramm, zweimal pro Woche.“ Die Medikamente machten ihn benommen und abhängig. „Ich war eigentlich nur miesgelaunt.“ Seine Familie litt mit. 2022 schöpfte er Hoffnung durch einen ersten Test mit einem Schmerzschrittmacher zur Neuromodulation, doch diese Erfahrung endete enttäuschend. „Eine Welt ist damals für mich zusammengebrochen.“
Wenn Schmerz das Leben bestimmt
Oberarzt Oleksandr Pichkur kennt diese Geschichten beider Männer aus vielen Gesprächen. „Chronischer Schmerz verändert den ganzen Menschen“, erklärt der Oberarzt. „Nicht nur der Körper leidet, sondern auch die Psyche, die Beziehungen, das Selbstbild. Der Schmerz übernimmt irgendwann die Kontrolle.“ Das sogenannte Schmerzgedächtnis sorgt dafür, dass das Nervensystem permanent Alarm schlägt. In beiden Fällen war es so.
Der Weg ins Wirbelsäulenzentrum Dessau
Für beide Männer kam im Frühjahr 2025 die entscheidende Wende im Wirbelsäulenzentrum des Klinikums Dessau. Hier wurden die langen Krankengeschichten beider Männer noch einmal umfassend ausgewertet. „Wir schauen uns jeden Fall sehr genau an“, erklärt Pichkur. „Viele unserer Patienten haben schon mehrere Operationen hinter sich und zahlreiche Therapien ausprobiert. Erst wenn alles dokumentiert und nachvollziehbar ist, prüfen wir die Möglichkeit einer Neuromodulation.“
Für Mario Müller war das zunächst etwas völlig Neues. „Davon hatte mir vorher niemand erzählt. Aber hier wurde mir alles in Ruhe erklärt. Ich hatte das Gefühl: Endlich nimmt sich jemand Zeit.“
Auch Peter Palischek erlebte einen großen Unterschied zu früheren Behandlungen. Besonders nach einer enttäuschenden Erfahrung in einer anderen Klinik fühlte er sich in Dessau gut aufgehoben. „Hier war ich nicht allein. Herr Pichkur hat mir sogar seine Nummer gegeben und war erreichbar. Das gibt einem als Patient unglaublich viel Sicherheit.“
Moderne Technik und menschliche Begleitung
Ein Schmerzschrittmacher sendet elektrische Impulse an das Rückenmark und beeinflusst die Weiterleitung von Schmerzsignalen. „Wir schalten den Schmerz nicht einfach aus“, erklärt Pichkur. „Aber wir können ihn deutlich reduzieren, sodass der Patient wieder aktiv am Leben teilnehmen kann.“
Die Geräte werden individuell angepasst. Bei Peter Palischek kamen spezielle Plattenelektroden zum Einsatz, um bestimmte Nervenbahnen besonders präzise zu stimulieren. Moderne Systeme lassen sich per App steuern und dokumentieren den Verlauf.
Beide Männer erinnern sich gut an die Testphase vor der endgültigen Implantation. „Ich war nervös“, sagt Müller. „Ich dachte: Wenn das jetzt auch nicht hilft, was bleibt dann noch?“ Doch schon nach wenigen Tagen spürte er eine Veränderung. „Die Schmerzen waren plötzlich leiser. Zum ersten Mal seit Jahren.“
Auch Palischek schöpfte neue Hoffnung. „Ich habe gemerkt: Ich brauche weniger Tabletten, ich kann mich besser bewegen. Da wusste ich: Das ist meine Chance.“
Zurück in ein normales Leben
Nach erfolgreichen Tests folgten die Implantationen im Jahr 2025. Bei Palischek im Sommer, bei Müller im Herbst 2025. Seitdem hat sich das Leben beider Männer grundlegend verändert.
Müller geht wieder ins Fitnessstudio, baut gezielt seine Rückenmuskulatur auf, fährt Fahrrad und unternimmt Spaziergänge. Tätigkeiten, die früher undenkbar waren, gehören heute wieder zu seinem Alltag. „Vorher war ich auf der Schmerzskala fast immer bei einer Sieben. Heute bin ich bei einer Zwei“, sagt er. Seine Bein- und Beckenschmerzen sind verschwunden, die Rückenschmerzen stark reduziert. Er kann wieder länger sitzen, stehen und sich bewegen, ohne ständig an den nächsten Schmerz zu denken.
Auch Peter Palischek profitiert im Alltag deutlich. „Vorher war ich auf der Schmerzskala auf jeden Fall bei einer Sieben. Jetzt bin ich ebenfalls bei einer Zwei.“ Er kann heute wieder den Kopf frei drehen, Auto fahren, einkaufen, kleinere Arbeiten im Haushalt erledigen und Spaziergänge unternehmen. Er bewegt Arme und Beine wieder unabhängig voneinander und nimmt aktiv am Familienleben teil. Besonders wichtig für ihn: „Ich konnte das Morphium absetzen.“ Heute fühlt er sich klar im Kopf, belastbarer und wieder selbstbestimmt.
Beide steuern ihre Schmerzschrittmacher per Smartphone, dokumentieren ihre Beschwerden und passen die Einstellungen regelmäßig an.
Auch aus medizinischer Sicht zeigen beide Fälle, welches Potenzial in der Neuromodulation steckt. Für Patienten, bei denen klassische Therapien versagen, kann die Rückenmarkstimulation eine echte Alternative sein. Sie nimmt den Schmerz nicht vollständig, aber sie gibt den Menschen ihre Handlungsfähigkeit zurück.
Oberarzt Pichkur betont: „Unsere Patienten haben meist schon vieles hinter sich: mehrere Operationen, viele Ärzte, viele Meinungen – zum Teil auch Enttäuschungen.“ Umso wichtiger seien Vertrauen, Geduld und eine enge Begleitung. „Menschen mit chronischen Schmerzen lege ich diese Therapie sehr ans Herz“, sagt Müller. Palischek ergänzt: „Als Patient braucht man Vertrauen zum Arzt. Und das hatte ich hier.“
Ihre Geschichten zeigen, dass selbst nach vielen Jahren des Leidens neue Wege möglich sind – mit moderner Medizin, fachlicher Begleitung und dem Mut, noch einmal Vertrauen zu fassen.
Haben Sie Fragen zur Therapie oder sind Sie selbst Schmerzpatient, dann erreichen Sie das Wirbelsäulenzentrum unter der Telefonnummer 0340 501-1805.




