Dessauer RSV-Studie: Hohe Akzeptanz der RSV-Prophylaxe

Das Respiratorische Synzytialvirus (RSV) zählt zu den häufigsten Ursachen schwerer Atemwegsinfektionen bei Säuglingen. Während ältere Kinder und Erwachsene meist nur erkältungsähnliche Beschwerden entwickeln, können Neugeborene und Babys in den ersten Lebensmonaten schwer erkranken und eine Behandlung im Krankenhaus benötigen. Eine jetzt veröffentlichte Studie des Städtischen Klinikums Dessau zeigt: Die überwiegende Mehrheit der Eltern entscheidet sich für eine RSV-Prophylaxe, wenn sie frühzeitig, verständlich und fundiert ärztlich informiert wird.
Wie Eltern über den Schutz ihrer Kinder entscheiden und welche Faktoren dabei eine Rolle spielen, hat die Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Städtischen Klinikums Dessau im Rahmen der Dessauer RSV-Studie DESIRE untersucht. Die Ergebnisse wurden jetzt in der Fachzeitschrift Kinderärztliche Praxis veröffentlicht.
Zwischen Oktober 2024 und März 2025 wurden am Städtischen Klinikum Dessau alle 291 in diesem Zeitraum geborenen Kinder sowie deren Eltern in die Untersuchung einbezogen. Im Mittelpunkt standen die Akzeptanz der RSV-Prophylaxe mit dem Antikörper Nirsevimab, die Gründe für eine Zustimmung oder Ablehnung sowie die Frage, wann und durch wen Eltern erstmals über diese Schutzmöglichkeit informiert wurden.
83 Prozent der Eltern befürworten die RSV-Prophylaxe
Das zentrale Ergebnis der Studie: 83 Prozent der Eltern entschieden sich grundsätzlich für die RSV-Prophylaxe ihres Neugeborenen. Rund 75 Prozent der Kinder erhielten den schützenden Antikörper tatsächlich. Dass dieser Anteil etwas niedriger ausfiel, war vor allem auf Lieferengpässe zu Beginn der RSV-Saison zurückzuführen.
„Die hohe Zustimmung zeigt, dass Eltern dem Schutz ihrer Kinder grundsätzlich offen gegenüberstehen, wenn sie verständlich und fundiert informiert werden“, sagt Prof. Dr. Stefan Fest, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Städtischen Klinikum Dessau und Letztautor der Studie. „Unsere Ergebnisse machen aber auch deutlich, dass der Zeitpunkt der Aufklärung entscheidend ist. Viele Familien erhalten die Informationen erst unmittelbar nach der Geburt. Dann bleibt oft nur wenig Zeit, sich in Ruhe mit dem Thema auseinanderzusetzen.“
Die Untersuchung zeigt, dass fast neun von zehn Eltern erst nach der Geburt ihres Kindes – meist im Rahmen der U2-Untersuchung durch Kinderärztinnen und Kinderärzte – erstmals über die RSV-Prophylaxe informiert wurden. Die Autoren der DESIRE-Studie sehen deshalb großes Potenzial darin, werdende Eltern bereits während der Schwangerschaft über RSV und die verfügbaren Schutzmöglichkeiten aufzuklären. So könnten Familien ihre Entscheidung ohne Zeitdruck treffen.
Sorgen vor Nebenwirkungen häufigster Ablehnungsgrund
Ein weiterer Schwerpunkt der Untersuchung waren die Gründe, weshalb sich Eltern gegen die RSV-Prophylaxe entschieden. Am häufigsten nannten sie Sorgen vor möglichen Nebenwirkungen. Weitere Gründe waren Zweifel am Nutzen-Risiko-Verhältnis, mangelndes Vertrauen in die Schulmedizin oder das Gefühl, unmittelbar nach der Geburt zu wenig Zeit für eine wohlüberlegte Entscheidung gehabt zu haben.
„Diese Ergebnisse zeigen uns sehr deutlich, worauf wir künftig den Fokus legen müssen“, erklärt Prof. Fest. „Eltern wünschen sich nachvollziehbare Informationen und ausreichend Zeit für ihre Entscheidung. Genau hier setzt eine gute ärztliche Beratung an. Unser Ziel ist es, Familien frühzeitig zu begleiten und Fragen offen zu beantworten.“
Die Studie macht außerdem deutlich, dass viele Eltern den Unterschied zwischen einer klassischen Schutzimpfung und der RSV-Prophylaxe mit Nirsevimab nicht kennen. Anders als eine Impfung enthält Nirsevimab bereits fertige Antikörper, die Säuglinge während ihrer ersten RSV-Saison unmittelbar schützen können. Auch hierin sehen die Autoren einen wichtigen Ansatzpunkt für die ärztliche Aufklärung.
Mit der Veröffentlichung der Dessauer RSV-Studie DESIRE liefert das Städtische Klinikum Dessau eine der ersten deutschen Echtzeitanalysen zur Einführung der RSV-Prophylaxe im klinischen Alltag. Die Erkenntnisse sollen dazu beitragen, die Aufklärung von werdenden Eltern weiter zu verbessern und Familien künftig noch früher bei ihrer Entscheidung zu unterstützen. Gleichzeitig unterstreichen die Ergebnisse die Bedeutung einer engen Zusammenarbeit zwischen Geburtsmedizin, Kinder- und Jugendmedizin sowie der ambulanten Versorgung. Gerade für Sachsen-Anhalt liefern die Ergebnisse wertvolle Erkenntnisse für die Weiterentwicklung der Präventionsangebote.
Hintergrund: Was ist RSV?
Das Respiratorische Synzytialvirus (RSV) gehört zu den häufigsten Auslösern von Atemwegsinfektionen bei Säuglingen und Kleinkindern. Während ältere Kinder und Erwachsene meist nur leichte erkältungsähnliche Beschwerden entwickeln, kann eine RSV-Infektion bei Neugeborenen und jungen Säuglingen schwer verlaufen und einen Krankenhausaufenthalt erforderlich machen. Besonders gefährdet sind Kinder in den ersten sechs Lebensmonaten.
Die RSV-Prophylaxe mit Nirsevimab ist keine klassische Schutzimpfung. Der Antikörper wird Säuglingen einmalig verabreicht und bietet einen unmittelbaren Schutz während der ersten RSV-Saison. Ziel ist es, schwere Krankheitsverläufe und Krankenhausaufenthalte zu verhindern. Dieser Unterschied zwischen Impfung und Antikörper-Prophylaxe ist vielen Eltern bislang nicht ausreichend bekannt und unterstreicht die Bedeutung einer frühzeitigen ärztlichen Beratung.




