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Mehr als 120 Besucher: Gangstörungen sorgen für volles Haus

Mit diesem Andrang hatte niemand gerechnet: Mehr als 120 Besucher kamen am 28. Oktober zu „Medizin am Mittwoch“ in das Städtische Klinikum Dessau. Die Cafeteria war bis auf den letzten Platz gefüllt. Selbst die Stühle aus dem angrenzenden Bistro wurden fast vollständig gebraucht. Geplant hatten die Veranstalter ursprünglich mit 50 bis 60 Teilnehmern.

Unter dem Titel „Gangstörungen – ein interdisziplinäres Problem?“ informierten die Klinik für Neurologie und die Klinik für Neurochirurgie gemeinsam über Ursachen, Untersuchungsmöglichkeiten und verschiedene Formen der Behandlung. Die drei Ärzte freuten sich über den großen Zuspruch. Er bestätigt zugleich, dass die Patientenakademie mit ihren verständlich aufbereiteten medizinischen Themen viele Menschen in Dessau und Umgebung erreicht.

Den Auftakt machte Priv.-Doz. Dr. med. Sybille Spieker, Chefärztin der Klinik für Neurologie. Dass Gangstörungen keine Seltenheit sind, zeigte gleich zu Beginn eine Zahl: Bei den 80- bis 84-Jährigen sind nach den von ihr vorgestellten Daten fast 60 Prozent betroffen.

Warum ein Mensch sicher geht, beschäftigt ihn im Alltag normalerweise wenig. Tatsächlich muss der Körper dafür eine ganze Reihe von Informationen verarbeiten. Augen, Gleichgewichtsorgan, Nerven, Muskeln, Gelenke und Gehirn arbeiten fortlaufend zusammen. Gerät dieses Zusammenspiel aus dem Takt, verändert sich häufig auch das Gangbild.

Dabei gibt es nicht immer nur eine Ursache. Neurologische Erkrankungen, Gleichgewichtsprobleme, orthopädische Veränderungen oder Nebenwirkungen von Medikamenten können zusammenkommen. In ihrem Vortrag „Parkinson und Co.“ beschrieb Dr. Spieker typische Anzeichen wie kleinere und langsamere Schritte, eine nachlassende Mitbewegung der Arme oder Schwierigkeiten beim Losgehen.

Sie gab den Besuchern außerdem praktische Hinweise zur Sturzvermeidung mit auf den Weg. Gleichgewichts- und Krafttraining können ebenso helfen wie geeignete Hilfsmittel und passendes Schuhwerk. Auch die Medikamente sollten regelmäßig überprüft und Stolperfallen in der Wohnung beseitigt werden.

Warum manche Menschen besonders im Dunkeln unsicher gehen, erklärte anschließend Andreas Weise, Leitender Oberarzt der Klinik für Neurologie. Sein Thema war die Polyneuropathie. Bei dieser Erkrankung sind Nerven geschädigt, die Informationen zwischen Körper und Gehirn weiterleiten. Zu den häufigsten Ursachen gehören Diabetes, übermäßiger Alkoholkonsum, Nierenerkrankungen und bestimmte Chemotherapien.

Die Beschwerden können ganz unterschiedlich ausfallen. Manche Patienten spüren ein Kribbeln oder Taubheitsgefühl, andere leiden unter Schmerzen, Muskelschwäche oder Gleichgewichtsproblemen. Besonders wichtig für einen sicheren Gang ist die Wahrnehmung der Stellung von Füßen und Beinen. Funktioniert sie nicht mehr zuverlässig, versuchen Betroffene dies häufig über das Sehen auszugleichen. Fällt diese Orientierung im Dunkeln weg, nimmt die Gangunsicherheit oft deutlich zu.

Bei der Behandlung kommt es darauf an, die Ursache der Nervenschädigung zu finden. Bei Diabetes gehört dazu zum Beispiel eine gute Einstellung des Blutzuckers. Physiotherapie, Schmerzbehandlung und geeignete Hilfsmittel können die Beschwerden lindern und mehr Sicherheit im Alltag geben. Auch ein möglichst stolperfreies Wohnumfeld senkt das Risiko zu stürzen.

Dass hinter einer Gangstörung auch ein behandelbares neurochirurgisches Problem stecken kann, zeigte Priv.-Doz. Dr. med. Christof Renner, Chefarzt der Klinik für Neurochirurgie. Er stellte Erkrankungen an Gehirn und Wirbelsäule vor, bei denen eine Operation das Gehen verbessern oder zumindest eine weitere Verschlechterung verhindern kann.

Ein Beispiel ist der Normaldruckhydrozephalus. Dabei ist der Abfluss des Nervenwassers gestört. Typisch sind ein kleinschrittiger, breitbeiniger Gang, eine nachlassende geistige Leistungsfähigkeit und Probleme mit der Blasenkontrolle. Eine operative Ableitung des Nervenwassers kann besonders das Gangbild verbessern.

Auch eine Einengung des Wirbelkanals kann das Gehen zunehmend erschweren. Im Bereich der Hals- oder Brustwirbelsäule können neben einem unsicheren Gang und steifen Beinen auch ungeschickte Hände auffallen, etwa beim Zuknöpfen eines Hemdes. Schmerzen müssen dabei nicht unbedingt auftreten. Ist der Wirbelkanal an der Lendenwirbelsäule verengt, wird die mögliche Gehstrecke häufig immer kürzer. Beim Sitzen oder Vornüberbeugen lassen die Beschwerden typischerweise nach.

Dr. Renner sprach zudem über Warnzeichen, bei denen keine Zeit verloren werden darf. Tritt eine Gangunsicherheit plötzlich gemeinsam mit Lähmungen, Sprachstörungen oder Bewusstseinsstörungen auf, muss sofort der Notruf 112 gewählt werden. Auch zunehmende Schwäche in den Beinen, Probleme beim Entleeren der Blase, der Verlust der Darmkontrolle oder Taubheitsgefühle im Schritt gehören umgehend in eine Notaufnahme.

Aufmerksam sollten Betroffene und Angehörige auch nach einer Kopfverletzung bleiben. Neue Gangprobleme, Kopfschmerzen oder Verwirrtheit können selbst mit zeitlichem Abstand auf eine Blutansammlung zwischen Gehirn und Hirnhaut hinweisen. Das gilt besonders für ältere Menschen und Patienten, die blutverdünnende Medikamente einnehmen.

Mit dem Ende der Vorträge war der Nachmittag noch lange nicht vorbei. Viele Besucher ließen es sich nicht nehmen, den Ärzten im kleineren Kreis, unter vier oder auch sechs Augen, ihre persönlichen Fragen zu stellen. Dabei ging es um eigene Beschwerden, mögliche Ursachen und die nächsten Schritte zur weiteren Abklärung.

Die drei Vorträge machten klar: Ein unsicherer Gang sollte nicht vorschnell als normale Begleiterscheinung des Alters abgetan werden. Treten die Beschwerden neu auf, nehmen sie zu oder kommt es bereits zu Stürzen, sollten die Ursachen ärztlich untersucht werden.

Zwei weitere Termine im November

Am 11. November stehen bei „Medizin am Mittwoch“ die Urologen des Klinikums im Mittelpunkt. Passend zum „Movember 2026“ lautet ihre Botschaft: „Männer, kümmert euch um eure Gesundheit!“ Die Vorträge beschäftigen sich mit Prostatakrebs, Hodenkrebs und den Wechseljahren beim Mann.

Am 18. November präsentiert sich das Endoprothetikzentrum der Maximalversorgung unter der Überschrift „Wenn Gelenke schmerzen: Welche Behandlung hilft wirklich?“. Die Themen reichen von „Beweglich bleiben ohne Operation“ über „Zwischen konservativ und operativ: TAPE als neue Hoffnung bei Arthrose“ bis zu „Neues Leben für müde Gelenke: von gelenkerhaltenden Eingriffen bis zum künstlichen Gelenk“.

Außerdem geht es um die Frage: „Wer zum Teufel ist VELYS? Ein Roboter an der Seite der Operateure“. Das robotische Assistenzsystem für Knieoperationen kann an diesem Nachmittag aus der Nähe in Augenschein genommen werden.

Beide Veranstaltungen beginnen um 16 Uhr in der Cafeteria des Städtischen Klinikums Dessau und enden gegen 17.30 Uhr. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

 

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